Beton, der CO₂ frisst

· Astronomieteam
Kennst du diesen grauen Bürgersteig, auf dem du jeden Tag gehst? Der sich im Sommer heiß anfühlt und nach einem harten Winter Risse bekommt? Was wäre, wenn er mehr könnte, als nur dein Gewicht zu tragen – was wäre, wenn er ganz nebenbei die Luft um dich herum reinigen würde?
In Seoul hat ein Team von Materialwissenschaftlern genau das geschafft: Sie haben einen Beton entwickelt, der nicht nur ungenutzt bleibt, sondern aktiv Kohlendioxid aus der Atmosphäre aufnimmt. Und das ganz ohne aufwendige Zusatzstoffe oder teure Technologie.
So funktioniert's: Beton als CO₂-Speicher
Herkömmlicher Beton wird aus Zement, Wasser und Zuschlagstoffen wie Sand oder Kies hergestellt. Das Problem? Allein die Zementproduktion ist für etwa 8 % der weltweiten CO₂-Emissionen verantwortlich. Doch das Team aus Seoul hat dies grundlegend verändert, indem es den Aushärtungsprozess – die Phase, in der der nasse Beton aushärtet – optimiert hat. Anstatt ihn einfach an der Luft trocknen zu lassen, setzten sie ihn kontrollierten CO₂-Strömen aus. Das Gas reagiert mit den Kalziumverbindungen im Zement und bildet stabile Mineralien wie Kalzit, die den Kohlenstoff dauerhaft binden.
1. Sie verwenden eine Standardbetonmischung, reduzieren aber das Wasser-Zement-Verhältnis leicht, um mehr Poren zu erzeugen – winzige Hohlräume, in die CO₂ eindringen kann.
2. Während der frühen Aushärtungsphase (innerhalb der ersten 24 Stunden) platzieren sie den Beton in einer Kammer mit einer niedrigen CO₂-Konzentration – etwa 10–20 % –, was deutlich sicherer und kostengünstiger ist als reines Gas.
3. Innerhalb von 6–12 Stunden diffundiert das CO₂ in die Matrix und mineralisiert sich zu festen Carbonatkristallen, die das Material sogar verstärken.
Das Ergebnis? Eine Platte, die nicht nur langlebig ist, sondern bereits vor Verlassen des Werks bis zu 5 % ihres Eigengewichts an CO₂ aufgenommen hat.
Anwendungsbeispiele aus der Praxis: Wo Sie es zuerst sehen werden
Das ist keine bloße Laborforschung – die Technologie findet bereits Anwendung in der alltäglichen Infrastruktur Seouls. Die Stadt fördert Pilotprojekte, die beweisen, dass kohlenstoffabsorbierender Beton auch außerhalb kontrollierter Umgebungen funktioniert.
Bushaltestellenbänke: Ein Dutzend Bushaltestellen im Stadtteil Gangnam sind nun mit Sitzgelegenheiten aus diesem neuen Beton ausgestattet. Jede Bank absorbiert im Laufe ihrer Lebensdauer etwa 2 Kilogramm CO₂ – wenig, aber bei Tausenden summiert sich das.
Lärmschutzwände an Autobahnen: Diese hohen Betonwände, normalerweise schlicht und funktional, sind nun mit CO₂-gehärteten Platten versehen. Ein 100 Meter langer Abschnitt kann so viel Kohlenstoff binden wie 15 ausgewachsene Bäume in einem Jahr.
Pflastersteine in öffentlichen Parks: Im Seoul Forest sind die Wege mit ineinandergreifenden Fliesen gestaltet, die mit dieser Technologie hergestellt wurden. Regenwasser wäscht den Kohlenstoff nicht ab – er ist in mineralischer Form gebunden und bleibt daher auch nach jahrzehntelanger Beanspruchung durch Fußgängerverkehr erhalten.
Der Vorteil dieser Installationen liegt darin, dass sie keine Wartungsänderungen erfordern. Die Arbeiter gießen und bearbeiten den Beton wie gewohnt – nur der erste Aushärtungsschritt ist anders.
Wie Städte (und Bauunternehmen) es anwenden können
Sie benötigen keine Forschungsförderung, um diese Methode zu nutzen. Das Team aus Seoul hat sein Verfahren so konzipiert, dass es sich in bestehende Lieferketten integrieren lässt. So können Bauunternehmen oder Stadtplaner loslegen:
Kooperation mit lokalen Betonfertigteilwerken: Viele Betonprodukte – wie Bordsteine, Rohre oder Fliesen – werden außerhalb der Baustelle hergestellt. Fragen Sie Ihren Lieferanten, ob er CO₂-gehärtete Optionen anbietet. In Seoul verfügen bereits über 30 % der Betonfertigteilwerke über Nachrüstsätze für die CO₂-Einblasung.
Anpassung der Aushärtungszeiten: Statt Dampfhärtung (die Energie verbraucht und CO₂ freisetzt) sollten Sie auf CO₂-Aushärtung bei Umgebungstemperatur umsteigen. Es dauert etwas länger, reduziert aber die Emissionen und erhöht die Druckfestigkeit um bis zu 10 %.
Kohlenstoffaufnahme erfassen und zertifizieren: Nutzen Sie einfache Labortests – wie die Thermogravimetrie –, um zu messen, wie viel CO₂ Ihr Beton aufgenommen hat. Die Bauordnung der Stadt Seoul erlaubt nun, dass diese Daten für die Zertifizierung von nachhaltigem Bauen angerechnet werden.
Auch kleine Bauunternehmen können mit Testchargen beginnen. Ein in Seoul ansässiges Startup bietet mobile CO₂-Härtungseinheiten an, die in einen Schiffscontainer passen – ideal für Baustellenprojekte wie Gehwege oder Radwege.
Warum das auch jenseits des Labors wichtig ist
Beton ist der am weitesten verbreitete künstliche Baustoff der Erde. Wenn auch nur ein Bruchteil davon Kohlenstoff aus der Luft binden könnte, anstatt ihn freizusetzen, wären die Auswirkungen auf das Klima enorm. Der Ansatz in Seoul beweist, dass man keine Science-Fiction-Lösungen braucht – sondern einfach nur intelligente Chemie, angewendet auf etwas, mit dem wir ohnehin täglich bauen.
Stellen Sie sich vor, Sie gehen eine Straße entlang, auf der jeder Schritt auf einer Oberfläche erfolgt, die die Atmosphäre auf subtile Weise reinigt. Das ist keine ferne Zukunftsvision. In Seoul ist es bereits Realität – und mit den richtigen Mitteln