Calla Geheimnisse
Niko
Niko
| 14-04-2026
Naturteam · Naturteam
Calla Geheimnisse
Betritt man fast jeden Blumenladen, ist die Calla kaum zu übersehen.
Ihre einzelne, geschwungene Linie, die Art, wie sich die Spatha wie ein Stück gefaltetes Papier um sich selbst legt, und der Stiel, der mit klarer Eleganz aufragt – all das macht sie zu einer der architektonisch vollkommensten Blumen überhaupt.
Hochzeitsfloristen greifen instinktiv zu ihr, wenn Kundinnen oder Kunden nach etwas suchen, das mühelos elegant und stilvoll wirkt.
Und doch stellt sich heraus, dass fast alles, was die meisten Menschen über die Calla glauben, nicht ganz stimmt. Sie ist eigentlich gar keine Lilie. Was wie ihre Blüte aussieht, ist streng genommen keine Blüte. Und die Pflanze, die oft mit Reinheit und Eleganz verbunden wird, ist tatsächlich so giftig, dass sie bei unvorsichtigem Umgang ernsthafte Schäden verursachen kann.
Die Calla belohnt genaues Hinsehen – und je genauer man hinschaut, desto faszinierender wird sie.

Sie ist eigentlich gar keine Lilie

Der Name Calla-Lilie ist so fest mit dieser Pflanze verbunden und wird schon so lange verwendet, dass eine Korrektur fast pedantisch wirkt. Doch botanisch gesehen ist die Sache eindeutig. Die Calla – wissenschaftlich als Zantedeschia bekannt – gehört zur Familie der Araceae und ist damit eng verwandt mit Einblatt, Anthurie und Philodendron. Echte Lilien hingegen gehören zur Familie der Liliaceae, einer völlig anderen botanischen Gruppe.
Die Verwirrung reicht mehrere Jahrhunderte zurück und hat sich trotz klarer botanischer Dokumentation hartnäckig gehalten. Die Pflanze wurde im 18. Jahrhundert von Carl Linnaeus zunächst der Gattung Calla zugeordnet, eine Klassifikation, die später korrigiert wurde – während der gebräuchliche Name im Alltag bestehen blieb.
Heute verwenden Botaniker den Gattungsnamen Zantedeschia, benannt nach dem italienischen Botaniker Giovanni Zantedeschi. Der Name Calla-Lilie ist jedoch so tief im allgemeinen Sprachgebrauch verankert, dass er kaum noch zu verdrängen ist.

Was wie die Blüte aussieht, ist keine Blüte

Das auffälligste Merkmal der Calla – die große, glatte, trichterförmige Struktur, die die meisten Menschen für die Blüte halten – ist in Wirklichkeit gar keine Blüte. Es handelt sich um eine Spatha, also ein umgebildetes Blatt, das die eigentlichen Blüten umhüllt. Diese sitzen winzig klein und dicht gedrängt entlang des fingerförmigen Kolbens (Spadix) in der Mitte der Spatha.
Diese Struktur – eine Spatha, die einen Spadix umgibt – ist typisch für die gesamte Familie der Araceae. Bei der Calla hat sich die Spatha jedoch so groß, glatt und auffällig entwickelt, dass sie das Erscheinungsbild der Pflanze vollständig dominiert und die eigentlichen Blüten von den meisten Betrachtern kaum wahrgenommen werden.
Die Spatha kommt in einer größeren Farbvielfalt vor, als viele Menschen vermuten.
- Weiß ist die bekannteste und am weitesten verbreitete Variante und wird in vielen Kulturen mit Hochzeiten und formellen Anlässen verbunden;
- Gelbe und cremefarbene Sorten kommen auch in der Natur vor und werden häufig kultiviert;
- Rosa, violette und tief burgunderrote Varianten wurden durch gezielte Züchtung entwickelt und sind zunehmend bei spezialisierten Floristen erhältlich;
- Fast schwarze Sorten – so stark pigmentiert, dass sie beinahe anthrazitfarben wirken – sind im modernen Floristikdesign beliebt, weil sie einen dramatischen Kontrast zu helleren Blüten bilden.

Sie stammt aus dem südlichen Afrika, nicht aus Europa

Trotz ihrer starken Verbindung mit europäischen Floristiktraditionen und ihrer Präsenz in westlicher Kunst und Zeremonie stammt die Calla ursprünglich aus dem südlichen Afrika – genauer gesagt aus den sumpfigen Gebieten und Bachufern von Südafrika und Lesotho.
Dort wächst sie natürlicherweise in feuchten, saisonal überfluteten Lebensräumen und hat sich an Bedingungen angepasst, die viele Zierpflanzen überfordern würden.
Im 17. Jahrhundert wurde die Pflanze nach Europa eingeführt und verbreitete sich schnell über botanische Gärten und private Sammlungen, bevor sie in die allgemeine Gartenkultur Einzug hielt. Ihre Aufnahme in europäische Hochzeits- und Trauertraditionen folgte rasch, begünstigt durch die visuelle Wirkung der Spatha, die Reinheit, Eleganz und feierliche Anlässe symbolisiert.
In einigen Regionen des südlichen Afrikas, in denen sie wild wächst, gilt die Calla heute in bestimmten Ökosystemen sogar als invasive Art. Entlang von Wasserläufen breitet sie sich aggressiv aus und verdrängt einheimische Pflanzen.
Genau die Eigenschaften, die sie zu einer attraktiven Gartenpflanze machen – kräftiges Wachstum, Toleranz gegenüber Nässe und schnelle Ausbreitung – stellen in natürlichen Lebensräumen, in denen sie ursprünglich nicht vorkam, ein ökologisches Problem dar.

Die gesamte Pflanze ist giftig

Die Verbindung der Calla mit Eleganz und Reinheit steht in stillem Widerspruch zu ihrer chemischen Zusammensetzung. Jeder Teil der Pflanze – Wurzeln, Stängel, Blätter und Spatha – enthält Calciumoxalatkristalle. Diese mikroskopisch kleinen, nadelförmigen Strukturen reizen beim Kontakt Schleimhäute und weiches Gewebe stark.
Beim Verschlucken verursachen sie sofortiges Brennen und Schwellungen im Mund und Rachen, Schluckbeschwerden und Übelkeit. Bei Haustieren – besonders Katzen und Hunden – können schon kleine Mengen erhebliche Beschwerden auslösen. Auch der Hautkontakt mit dem Pflanzensaft kann bei empfindlichen Personen Reizungen hervorrufen, was besonders für Menschen relevant ist, die Callas regelmäßig in Blumenarrangements verarbeiten.
Trotzdem gibt es in ihrem ursprünglichen Verbreitungsgebiet eine Geschichte vorsichtiger medizinischer Nutzung. Traditionelles Wissen kannte spezielle Zubereitungsmethoden, die die Giftigkeit reduzierten. Der rohe Verzehr jedoch bleibt tatsächlich gefährlich.
Calla Geheimnisse
Die Calla hat sich eine der bekanntesten Identitäten in der Pflanzenwelt aufgebaut – auf der Grundlage eleganter Widersprüche: ein Blatt, das vorgibt, eine Blüte zu sein; ein Name, der nicht zu ihrer botanischen Familie passt; ein Ruf der Reinheit, der eine tatsächlich giftige Chemie umhüllt. All das mindert ihre Schönheit keineswegs.
Im Gegenteil: wenn man die ganze Geschichte kennt, wird die Pflanze noch interessanter – eine Erinnerung daran, dass hinter den ruhigsten und vollkommensten Oberflächen oft die vielschichtigsten Realitäten verborgen liegen.